Hallo Piraten,

Ihr habt ja absolut recht, dass eine völlig neue Politik lebensnotwendig ist – und dass die etablierten Parteien dazu außer Stande sind. Alle jammern. Was heute politisch wirkt, ist nicht demokratisch. Und was demokratisch geschehen sollte, findet keine Wirkung.

Bei euch überwiegen Kompetenz, guter Wille und Ehrlichkeit noch. Aber augenscheinlich fehlen auch euch die Mittel, die mehrheitlichen Kohärenzen zur Wirkung zu bringen. Und die ersten Ansätze in Richtung auf das Parteimuster „Feind – Erzfeind – Parteifreund“ sind auch bei euch unübersehbar. So wächst  meine Sorge, dass eure Hauptakteure dem Burnout wesentlich näher sind als dem Lösen gesellschaftlicher Probleme…

Eure Antrags-Fabrik, die Vorstandsprotokolle und die Diskussionsforen zeigen, dass ihr momentan auf das gleiche Geschwurbsel zusteuert, mit dem die etablierten Parteien  ihre(?) Demokratie immer mehr deformiert haben.  Mir ist undenkbar, dass die substanziellen Probleme von Gegenwart und Zukunft in diesem „Schweinsgalopp“ gelöst werden können. Da spielt der Zufall eine gar zu große Rolle, welche Ideen einen forschen Vertreter finden – und wohin diese Ideen dann konkret führen...

Dabei fehlt es nicht an Mut, grundsätzliche Probleme anzupacken.  Zum Beispiel der Antrag von Ron:
‚Betrieb vom bundesweiten System "LiquidFeedback" beenden und evtl. neu starten’
zeigt mir, dass bei euch ernsthafte Bedenken gegen die bislang personenzentrierte Politik bestehen. 
 Ihr braucht den Mangel an charismatischen Persönlichkeiten nicht bedauern. Denn erstens zeigt die Geschichte ein Übermaß an „schrecklichen“ Charismatikern. Und zweitens haben die wenigen gemeinwohlorientierten Charismatiker (Perikles, Tito, Castro …) schon gegen Ende ihrer Amtszeit ungelöste Probleme angehäuft und bei ihrem Abtreten Lücken hinterlassen, die gar kein Nachfolger ausfüllen konnte. 

Es ist also zweifelsfrei richtig, jegliche personenzentrierte Politik in Frage zu stellen. So gesehen geht die ursprüngliche LiquidDemocracy mit den Grundprinzipien Stimmendelegierung und „Abstimmung über Positionen im Ganzen“ genau in die falsche Richtung. Nüchtern betrachtet: damit werden für Stimmenfang und Mogelpackungen neue phantastische Möglichkeiten eröffnet...  Ich möchte das keinesfalls als Kritik an den Autoren von LqD verstanden wissen – das war ein anerkennenswerter erster Versuch. Aber die dringend notwendige grundlegende Alternative ist das bestimmt nicht.

Deshalb erwarte ich positive Resonanz auf folgenden Vorschlag. Mein „qualifizierter Konsens“ zielt auf eine gemeinwohlorientiert inhaltszentrierte Politik – also einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel(!) in Richtung auf eine personenunabhängige Politkultur. Wobei natürlich Führungspersönlichkeiten nach wie vor eine maßgebende Rolle spielen. Aber eben eine Rolle als Moderatoren in einem gesellschaftlichen Organismus, welcher auch den Wechsel der Moderatoren unbeschadet übersteht. 
Also als klare Alternative zu Systemen, wo der Moderator „das System“ darstellt und bestimmt.

M.E. passt der „qualifizierte Konsens“ genau in die momentane Findungsphase der Piraten! 
Bitte versucht, dieses Konzept als Ganzes zu erfassen – und dann erst zu beurteilen.
Denn heutzutage ist es üblich, sich an irgendeinem Punkt festzuhalten, den man nicht mag oder nicht versteht – und schon wird das Ganze verworfen. Das wäre für einen Paradigmenwechsel ein übliches Startrisiko – aber eben höchst bedauerlich. 

Dieser qualifizierte Konsens ist charakterisiert durch:
•    Darstellung jedes Politikfeldes durch eine Gesamtheit von möglichst wenigen klaren „Kernaussagen“, die FÜR und WIDER dieses Politikfeldes  bewertbar repräsentieren;
•    Klare Abgrenzung dieser Kernaussagen von Kontexten aller Art 
(die freilich in unmittelbarem Zusammenhang erscheinen sollen);
•    Bewertung aller Kernaussagen durch alle Teilnehmer
(Idealfall: „lesebegleitend“ auf eine fünfwertigen Likert-Skala)
•    Diskussionsmöglichkeit zu allen einzelnen(!) Kernaussagen für alle Teilnehmer;
•    Klares Herausstellen der mehrheitlich getragenen Kernaussagen;
•    Fairen Umgang mit Minderheitsvoten - die ja echt Neues bringen können!

Sinn und Zweck des qualifizierten Konsens ist
•    Ganzheitliche Aufbereitung und Lösung politischer Problemsituationen
•    Höhere praktische Wirksamkeit von Mehrheitsvoten;
•    Vermeidung von faulen Kompromissformeln und demagogischen Mogelpackungen;
•    Möglichkeit, als Individuum mittels Bewertung und Diskussion an Problemlösungsprozessen in allen Politikfeldern partizipieren zu können;
•    Herausstellen von Grundpositionen („Werten“), mit denen man sich als Individuum identifizieren kann;
•    Zwischen allen Beteiligten respektvollen Konsens darüber herstellen, worin man sich nicht einig ist.
•    Zielführende Prozesse anstelle fundamentalistischer Diskurse.

Leider existiert  für diese Methodik noch keine öffentlich anbietbare Softwarelösung. Alle benötigten Komponenten sind zwar in OpenSource-Software vielfältig realisiert – aber eben nicht in der hier benötigten Konfiguration „Strukturieren – Bewerten – Diskutieren“.

Soweit möglich, habe ich die Grundideen in dem Bildungsportal OPAL  realisiert. Bitte nehmt dies als Pilot-Beispiel. Natürlich müssen eure Experten entscheiden, ob die Nutzung von OPAL/OLAT Sinn macht. Evtl. ist es für euch einfacher, die strukturierte Behandlung der Inhalte in lqd einzubauen.  

OPAL wurde auf der OpenSource-Software OLAT entwickelt. Diese scheint mir sehr hilfreich, obwohl sie für einen ganz anderen Zweck entwickelt wurde. Seht euch bitte mal den Einstieg an:
https://bildungsportal.sachsen.de/opal/
und dort nun alles, was mit „Qualifizierter Konsens“, Quons, Sachkonsens… zu tun hat.

„Geld vs. Kapital“ ist ein Versuch mit dem OPAL-Werkzeug „Test“.
Im OPAL-Kurs „Qualifizierter Konsens“ ist ein Forum mit Diskussion zu den einzelnen Kernaussagen „angearbeitet“. Substanziell wichtig, aber bislang „ohne Leben“, weil ohne Teilnehmer…

Für einen eiligen Einstieg empfiehlt sich der Sachkonsens „Große Krise 1“.
 Bitte sogleich die angehängte Datei „OPAL-Quons Verbesserungspotenziale“ hinzuziehen. Dort habe ich einige Details beschrieben, wie mit relativ geringem Aufwand die Grundidee des qualifizierten Konsens schon ziemlich gut realisiert werden kann – sicher auch auf LqD übertragbar.

Wenn ihr das Wesen der Methodik als hilfreich aufnehmt, will ich gern nach Kräften zur weiteren Entwicklung beitragen. Die beigefügte ToDo-Liste soll für die ersten Schritte helfen. 

Soviel für den Anfang! 
Bitte kontaktiert mich für Näheres!


(gilt auch ohne Unterschrift)
Wolfgang Schallehn

Linkliste
https://bildungsportal.sachsen.de/opal/dmz/, Gast-Zugang -> Geld vs. Kapital -> Katalog -> freie Lerninhalte -> Geld vs. Kapital
[Dromedar]
Kategorie: meinungsfindungsforelle


Frage:
Wie sieht Herr Schallehn selbst, das sein Ansatz den Kriterien der idealen Sprechsituation erfüllt. Details hierzu hier => https://piratenpad.de/herrschaftsfreierDiskurs
=> Antwort: https://news.piratenpartei.de/showthread.php?tid=95877&page=2